Vom Blues

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Blues-Bekenntnis

Ich glaube:

Blues ist Entweder-oder-Musik. Entweder er ist da. Oder nicht.
Blues ist und bleibt ein Geheimnis. Blues scheint simpel und ist doch unergründlich.
Blues kann jeder - das ist einer der größten Irrtümer der Musikgeschichte.
Blues kannst Du nicht nach Noten lernen.
Blues lässt sich nicht in Harmonien, Skalen, in noch so virtuosen Läufen orten. Blues steckt im Tonfall, bisweilen in einem einzigen Ton und nicht selten in den Pausen.
Blues ist Live-Musik, im Studio erstirbt er fast immer.
Slow Blues ist die Königsdisziplin, die größte Herausforderung für den Musiker, aber auch für sein Publikum.
Blues gibt es schon lange, vielleicht schon immer.
Beethoven konnte Blues, Mozart Pop.
Blues veredelt jede Musik.
Schriftsteller, Maler, Architekten, alle Kunst lebt vom Blues.
Blues kann man nicht nebenbei hören.; deshalb gibt es keine Blues-Hits.
Blues läuft höchstselten im Radio. Ein Ärgernis. Aber auch ein Glück. Blues ist zu wertvoll.
Blues kann Dich auffangen, Dich aufrichten, Dich trösten. Aber nicht immer tut er Dir gut, dafür ist er zu intensiv. Deshalb darf es, ja, deshalb muss es auch andere Musik geben.
Blues hat großartige Künstler hervorgebracht. Aber der eigentliche Star ist immer der Blues. Auch das unterscheidet ihn von den meisten Musikrichtungen.
Blues ist keine Religion (machen Sie sich doch den Spaß, entfachen Sie beim Lahnsteiner Bluesfestival in der Pause auf dem postmodernen Teppichboden die Diskussion "Wer ist der beste Blues-Gitarrist aller Zeiten?" - ich weiß es übrigens); und doch kann sich jeder Bluesfan an sein Erweckungserlebnis erinnern.
Es gibt jede Menge miesen Blues, Schein-Blues, Kommerz-Blues, verlogenen Blues; Scharlatane gibt es überall, aber beim Blues spürst Du die falschen Töne. Und mögen sie noch so richtig klingen.
Blues heißt die Sprache, aber es gibt unzählige, unendlich viele Dialekte.
Blues ist Zwiesprache.
Gott macht uns mit Musik das zweitgrößte Geschenk. Mit Blues erweist sich der Mensch dieser Gabe würdig.
Blues ist Seelennahrung, manchmal sogar Body & Soul Food.

Sie widersprechen an der einen oder anderen Stelle?
Das kann ich mir vorstellen, denn Bluesfans sind Überzeugungshörer, keine wohlwollend wogende Masse.

Schauen Sie, früher habe ich behauptet, ich glaube nur, was ich weiß.
Heute glaube ich, was ich will.
Blues sei Dank.

Arnim Töpel

Vom Radio

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Im Februar 2000 habe ich meinen Radio-Talk beim Südwestfunk/ Südwestrundfunk Baden-Baden nach vier Jahren beendet. Die Programm-Ausrichtung „Eigenlob ohne Ende“, „Katastrophen ja, aber gutgelaunt“, und das Lieblingsmärchen der Radiomacher vom beschränkten Zuhörer, der nach 90 Sekunden Wort am Stück den Löffel schmeißt, ließen mir keine Wahl. Ich habe den Schritt nie bereut, gebe aber gerne zu: Radio fehlt mir.
 
Das Buch zur Sendung, „Acht Plus – Gespräche im Radio“, ist und bleibt vergriffen.
 
2001 erschien mein leider nicht unaktuell gewordener Beitrag zur Festschrift für Bischof Spital:
 
Denn sie wissen nicht, was sie senden sollen
Vom Gebrauchswert des Radios
Nein, ich nehme sie nicht in Schutz. Es gibt keine Entschuldigung. Nur ein paar Erklärungen für das Siechtum dieses Ex-Massenmediums Radio, vor allem die eine: Sie können es offenbar einfach nicht besser. Die Macher. Stets gepeinigt von der Panik, „der Hörer“ könnte abschalten. Keine Angst, das hat er längst. Innerlich. Nur so lässt sich erklären, wie immer mehr Sendezeit ungestraft totgeschlagen werden darf.
 
Bin ich ungerecht? Kommt es mir tatsächlich nur so vor, als ob in Deutschlands Radiosendern bis auf wenige Nischen und gleichnamige Programme alles gleich klingt, konfektioniert, absehbar, uninspiriert, beliebig und belanglos. Eine einzige seelenlose Geräuschkulisse.
 
Achselzucken erntet man, hört man die Macher, gar beifälliges Nicken. Und eine prompte Schuldzuweisung. Schuld hat - natürlich der Hörer. Denn er will es so. Hat es folglich auch nicht besser verdient. Er ist schließlich der Programm-Chef. Denn sie haben ihn ja gefragt. Genauer, fragen lassen, weil sie eigentlich nichts mit dem Hörer zu tun haben wollen, anspruchslos, wie er nun mal ist. Das übernehmen unaufhörlich gutbezahlte Hörer-Forscher, Medienanalysten, Musik-Consulter, in- und externe Berater und sonstige Besserwisser, die sich heuschreckenartig verbreiten, „den Hörer“ ausquetschen, was er wann, wie häufig, wie kurz und von einer eher männlichen oder eher weiblichen Stimme hören möchte. Anschließend warten sie mit ebenso absurden wie detaillierten Erkenntnissen auf, die je nach Binnenlaune im Sender zur „Programmphilosophie“ erhoben und spätestens alsbald wieder verworfen werden. Das macht sie auch in diesen Kreisen so beliebt und sichert ihren Arbeitsplatz: Sie wissen stets zu erläutern, warum ein Programm nicht erfolgreich sein und wieso ihr Arbeitgeber gar nichts dafür können kann.
 
Ja, unsicher sind sie, die Macher. Denn ihnen fehlt das Wichtigste: Sie spüren es nicht. Sie fühlen nicht, was Radio eigentlich ausmacht. Und so schwelgen sie in Musikfarben, Wortanteilen, Sender-Uhren, debattieren Beitragslängen, Formatbrüche, Anmutungen, Ansprache, Moderatorentraining und Trailerbetten. Statt sich einfach der Frage zu stellen: Berührt dieses Programm? Klar, müssten sie doch passen, würden hilflos mitstoppen, in Statistiken blättern, um schließlich eine Runde einzuberufen, in die sie blicken könnten, um die Stimmung auszuloten. Nein, sie haben es einfach nicht, keine Idee, keine Inspiration, keine Vision, nur leider eine Position. Und irgendwer hat sie vermutlich gerade deshalb auf ihren Posten gesetzt, weil sie nicht gefährlich werden. Aber gerade die anderen bräuchte dieses sterbende Medium. Die haben Radio zu dem gemacht, wovon es heute allenfalls noch zehrt. Getriebene, Engagierte, Mutige, Innovative, Spinner, Verrückte, Fanatiker. Persönlichkeiten, die etwas bewirken, die Radio machen wollen, Verwalter haben wir genug.
 
Und so bleibt als Produkt dieser quälende, gleichförmige, unendliche Minimalkonsens. Das, was den meisten bestenfalls am wenigsten weh tut, was sie am ehesten dulden. Was idealerweise nicht einmal bemerkt wird. Das ist ihre traurige Mission.
Dabei versichern sie sich mit konspirativen Mienen mehrmals täglich, bevorzugt an Kantinentischen bei Weißweinschorle, alles ungleich besser und endlich richtig zu machen, dürften sie endlich das Programm so gestalten, wie sie es selber goutierten. Sie, die sie sich allenfalls Deutschlandfunk oder ausgewählte Kultursendungen zumuten, das eigene Programm ohnehin nicht ertragen können. Ja, wenn sie könnten, wie sie wollten. Aber dieser Hörer will es eben so dürftig.
 
Einzig, wenn die Nachrichten-, Gerüchte- und Katastrophenlage es hergibt, blühen sie auf, sind in ihrem Element, verfallen in Aktivismus, setzen knallhart an der Sache die allmächtigen Hebel der Informationsbeschaffung in Bewegung. Nichts zählt mehr, wenn triumphierend die neueste Anzahl von Todesopfern in den Äther geblasen werden darf. Das ist ihre Stunde, das haben sie gelernt, hier fühlen sie sich sicher und noch omnikompetenter. Findige Journalisten stellen stets die drei entscheidenden Fragen: „Weiß man schon etwas über die Hintergründe? Sind Deutsche unter den Opfern? Und welche Vorwürfe kann man den Einsatzkräften schon im Vorfeld machen?“ Denn sie wollen es einfach wissen. Nicht genau - aber sofort. Wenn es nach ihnen ginge, dann gäbe es in den Sendern nur noch zwei Abteilungen: aktuell und brandaktuell.
 
Doch was, wenn das in Aussicht gestellte Erdbeben verschoben wird, wenn nur Sachschaden die Karambolagen ziert, wenn nichts zur Krise aufgebauscht werden kann? Dann heißt es warten, weitersenden und vielleicht noch einmal mehr überschwenglich und spekulativ „live“ zur Börse schalten, „...gleich mehr nach der Musik!“
 
Doch da ist zum Glück ja noch der Hörer. Ist der nun schon verantwortlich für das armselige Programm, so lautet die perfide Konsequenz, soll er doch gefälligst auch selbst das Programm machen. Und so muss er vor allem eines: unbedingt, unaufschiebbar und vor allem unaufhörlich: anrufen. Bevorzugt diese jämmerlichen Hotlines.
 
Was als Ereignis, als Schaffung von Hörernähe begann, ist längst zur unkalkulierbaren Plage geworden. Nirgends kommen die Menschen so viel zu Wort wie in den Medien. Der Hörer soll sich etwas wünschen, grüßen, fragen, seine Meinung zu allem und jedem äußern, abstimmen, mitraten, und er soll sich gelegentlich und in vertretbaren Dosen offenbaren. „Ihre Fragen rund um den Fußpilz!“ - „Und wie ist das mit Ihren Schuldgefühlen, erzählen Sie mal!“ - „Ihre Erfahrungen mit Silberfischen?“ - „Sollen die Geiseln gewaltsam befreit werden?“ - „Haben sie auch einmal einen Flugzeugabsturz überlebt, jetzt anrufen!“ - „Merkel zum Frisör, Kohl an die Wand, Möllemann in die Nationalelf - ja oder nein?“
 
Nein. Denn was der Hörer sagt, interessiert keinen wirklich. Er gerät in eine Welt, in der jeder Politiker, Sportler, Schauspieler, schlicht jeder, ob nun „Promi“ oder ahnungsloser Umfragen-Passant nicht als Mensch, sondern als O-Ton begriffen wird. Und auf der ständigen Jagd nach solchen ist der Hörer nun mal der billigste. Man kann ihn jederzeit abrufen, einbauen und ihm zur rechten Zeit den Hahn abdrehen, Denn der Hörer ist - natürlich - beileibe viel zu unpräzise, zu unpointiert, als dass er ungeschnitten „über Sender gehen“ könnte. „Da kann man raus!“, lautet denn auch die wichtigste Grundregel, wie man mit einem nachdenkenden, vielleicht nur Atem holenden Menschen zu verfahren hat. Kurz, prägnant, die Emotion auf den Punkt, und dann „...das wächst wieder zusammen, ich drück’ Ihnen die Daumen, toitoitoi!“
 
Denn der moderne Hörer darf auch Probleme haben. Die können im Bereich der Schädlingsbekämpfung, der Darmpflege, der Haftpflichtversicherung und sogar noch tiefer im Innern liegen. Hauptsache, sie „kommen knackig rüber“ und finden im rechten Rat ihren würdigen Abschluss. Denn Radio ist kompetent, weiß alles, und Radio hat überdies immer Recht. Wenn der Hörer Pech hat, gerät er also nicht nur an einen windigen Scharlatan, der ihm die sofortige Trennung von Frau und Kind anempfiehlt, „...denn in elf Monaten triffst du deine Traumfrau!“, sondern noch an einen ambulanten Psycho-Experten, dessen weise Weisung im Vorbeigehen er auch noch preisen darf „Es ist deine Mutter-Beziehung! Kannst du damit was anfangen? Denk mal drüber nach!“ Denn die Zeit, sie ist um. Tatsächlich? Wieso eigentlich?
Arrogant, besserwissend, den Hörer alles, nur nicht ernst nehmend. Ohne Respekt vor dem Medium, geschweige denn vor dem Menschen. Verwurstet zwischen Nachrichtenminuten, Hintergrund-, Service- und bunten „Stückchen“. Gebettet in und unterlegt wie alles mit dieser unsäglichen Musik, um ja keinen Moment der Stille aufkommen zu lassen. Nervös, ungeduldig, gierig. Hier hat keine Tiefe, kein Innehalten, kein Nachdenken, keine Substanz Platz. Es störte dieses Gleichmaß der Überflutung. Und das wäre beängstigend, stellte es doch das ganze System in Frage. Das überlässt man den Kirchenminuten. Abgedeckt. Jetzt erst mal schnell weiter, bevor einer die Blutleere bemerkt. Denn es bleibt nichts von diesem Programm. Doch, vielleicht ein buntes Sender-T-Shirt. Versendet. Tja, schade, wir sind eben neugierig, aber leider nicht interessiert.
 
Es gab Zeiten, da wurde das Medium missbraucht, mittlerweile sind es die Hörer, die missbraucht werden.
 
Und das ist der Trost: Es scheint ein Ende der Duldsamkeit mit dieser Programmdauerwurst abzusehen. Manchmal, wenn ich schadenfroh aufmerke, weil ich wieder einen Satz höre wie „Ey, alle Leitungen blinken, es wird wieder angerufen wie blöd, aber wir haben da ein kleines technisches Problem...“, da beschleicht mich ein Verdacht: Sie haben gar keinen Hörer mehr. Zuhörer sowieso nicht, nein, Hörer überhaupt. „Wenn schon Radio, dann lieber Fernsehen!“, sagt der sich nämlich, legt seine Lieblings-CD auf, kauft Hörbücher, liest Zeitung, bedauert nicht, dass er nicht schon am Vortag (oder noch schlimmer am gleichen Tag) erfahren musste, was er gerade liest und hört allenfalls bei Nachrichten hin. Das Anrufen überlässt er professionellen Sender-Teams, also in aller Regel dessen Hospitanten. Was sollte ihn auch locken, würde er doch gewiss nur den Radio-Wecker beim Super-Rätsel gewinnen (mein Lieblingssatz: „Hab’ ich schon!“).
 
Nein, nein, ich meine nicht so sehr die Privatsender, die sich im Interesse der werbetreibenden Wirtschaft damit begnügen, Menschen ihre Reichweite zu nennen, die stündlich Autos und zunehmend Millionen ausloben, damit bei den ent-sprechenden Hörerbefragungen möglichst viele halbwegs fehlerfrei memorieren, wo man „den besten Mix, die knackigsten News und die geilsten Voices“ hören kann. Oder war es umgekehrt?
 
Nein, ich meine auch nicht die willfährigen Plapperer, die sich ohne Scheu in jedes Mikrophon ergießen. Die Zwangs-Jungen, penetrant wohlgelaunt und sympathisch, ein bisschen frech, große Klappe statt Persönlichkeit. Denen man zugute halten kann, dass sie erst gar nicht den Eindruck erwecken, als hätten sie uns etwas zu sagen. Die ich längst nicht mehr unterscheiden kann, weil Prozessoren ihr laszives Gurren, munteres Quietschen oder investigatives Nachhaken zu einem womöglich ebenfalls empirisch ermittelten Einheitswohlklang aufblasen. Nein, kein Vorwurf. Sie werden gebraucht und nutzen verständlicherweise die Chance. Ich meine die dahinter. Die das zulassen. Die sie rufen, sich bevorzugt umgeben mit diesen Stereotypen, deren Kontur-, Leb- und Erfahrungslosigkeit wohl zur Einstellungsbedingung geworden ist. Die die Austauschbarkeit postulieren, um die eigene Unsicherheit durch die der Untergebenen und Abhängigen zu kaschieren.
 
Und ein letztes Nein: Es ist alles überhaupt nicht witzig. Es ist ein Trauerspiel. Denn hier geht es nicht um einen fälligen Strukturwandel, die Krise eines Marktsegmentes, es geht um den Niedergang eines ganz besonderen Mediums, das den Menschen so nahe kommt, wie es das Fernsehen nie vermag, diesem deshalb weit überlegen ist. Denn es lässt ungleich mehr Raum für den Empfänger, ist mit ihm oft alleine, im Auto, im Bad, im Büro, beim Bügeln, beim Einschlafen und Aufwachen. Lässt Fragen offen, zerrt nicht alles ans Licht, lässt Bilder und Gedanken zu. Es fordert uns, denn wenn wir wollen, können wir die falschen Töne hören, spüren. Die meisten jedenfalls. Denn Distanzslosigkeit ersetzt nicht Wahrhaftigkeit. Ein Medium, das uns im besten Fall bewegt, provoziert, berührt. Durch ein Wort, einen Ton, eine Melodie, eine Pause. Und das sich so den eigentlichen, den zentralen Fragen unserer Daseinsbewältigung widmet. Ein Medium, das es verdient hat, wenigstens von uns ernst genommen zu werden.
 
Wir Hörer sind lange genug unterschätzt und unterfordert worden. Machen wir es ihnen nicht so leicht. Nehmen wir sie beim Wort. Hören wir, so schwer es fällt, zu. Lasst uns sie kontrollieren und überführen. Wir müssen nachfragen, einfordern, monieren, mahnen, konfrontieren, wir müssen ihnen die Ausreden abschneiden. Helfen wir, sie zu erlösen von einem Job, den sie nicht zu schätzen wissen. Keine Sorge, sie fallen weich. Packen wir sie bei dem, was sie am wenigsten wahrhaben wollen: Verantwortung.

Vom Dialekt

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Arnim Töpel
Unn – kennsch misch noch?
Warum Kurpfälzisch nicht sterben darf.
Die Zukunft: Dialekt im Museum? Ein paar lebenslustige Senioren sitzen in einer stilisierten Stube an einem groben Holztisch und prosten sich zu. Zur Freude der umstehenden Besucher, die kein Wort verstehen, aber begeistert sind von den urtümlichen Lauten, mit denen man sich früher offenbar verständigen konnte: „Ähna geht noch!“ – „Unn fott mit!“ – „Hopp, hopp, hopp, Schoppe in de Kopp!“ Von 10 bis 18 Uhr verdienen sich die Rentner hier im Nostalgie-Center zwischen Schreibmaschinen, Dreschflegeln, Bonanza-Rädern, Bettpfannen und anderen historischen Gerätschaften ein kleines Zubrot. Bald hat jeder Zuschauer seinen Favoriten. Für die Amerikaner ist es der „Bruddla“ mit seinem unnachahmlichen „Ououououou, geh fott!“ Japaner zeigen sich regelmäßig begeistert vom „Zorniggl“. Nur zu gerne lassen sie sich von ihm als „Liejebeitel, dreggedde“ beschimpfen. Auch ein paar in der Region Geborene sind diesmal dabei. „Yo, man“, raunen sich Kevin, Marvin und Justin zu. Das war er, der Sound vom Grandpa, wenn der sie damals mitnahm. Wohin gleich? Ehrgeizig kramen sie in ihren Erinnerungen. „Kerbe? Köhrwe? Kehrweh?“ Oder war das der Ausdruck für den wöchentlichen Reinigungsdienst? Die charmante Hostess am Ausgang mit dem lustigen „I am a Orschel“-T-Shirt kann leider nicht helfen. Sie stammt aus Paderborn und analysiert für ihren Bachelor gerade den Einfluss von Programmieren im Stehen auf Lagerhaltungssoftware. Wird es schon bald so sein? Mundart – verkommen zum bloßen Nostalgievehikel? Ja, das zeichnet sich ab.
 
Mundart mangelhaft
Wer beherrscht heute noch Dialekt? Dialekt begriffen als eigenständige Sprache, mit eigener Grammatik (derwu, diewu, deswu), differenzierten Konjugationsformen (isch gähngt, Du gähngsch, sie gähngde) und unterschiedlicher Ausprägung von Dorf zu Dorf („Der? Der kummt vun Schriese, des heat ma glei.“). Die Älteren, gut. Aber die Jungen? Von Jugendlichen und Kindern ganz zu schweigen. Die haben allenfalls noch einen mundartlichen Akzent, mit dem sie diese eigenartigen Rest- und Rumpfsätze versehen, angereichert mit SMS-Kürzeln und international anerkannten Obszönitäten. Ein erstaunlich rascher Wandel. Als ich zur Schule kam, gerade einmal gut vier Jahrzehnte her, sprachen außer mir lediglich zwei von 38 Schülern Hochdeutsch. Nun, das ist heute ähnlich. Allerdings sprechen die Schüler keinen Dialekt, stattdessen neunzehn verschiedene Landessprachen, von denen die Lehrerin keine einzige versteht. Dafür gibt es in der Grundschule Englischunterricht, und sie lernen, Computer zu befehligen. Ein fabelhaftes Konzept, die Schüler sollen später selbst entscheiden, welche Sprache sie sprechen. Gar keine?
 
Sprache verändert sich
Die Welt wandelt sich beständig, durch die schier unbegrenzte Mobilität und globale Vernetzung bis ins entlegenste Tal immer rasanter. Sprache muss sich anpassen. Mit durchaus positiven Begleiterscheinungen. Denn Dialekt hat auch immer etwas Ausgrenzendes, worunter ich als Kind durchaus litt („Hea, wiesso sprichsch Du so vornehm?“). So manche liebgewonnene Formulierung, etwa beim Metzger („Woscht willsch? Welli?“), entpuppte sich durch verstärkten Umgang mit Nichteinheimischen als umsatzschädlich. Und die Zeiten, da man die Gemarkungsgrenze zum Nachbarort aus Prinzip allenfalls überschritt, um sich zu prügeln, sind vorbei. Längst begegnet man einander (weitgehend) frei von Ressentiments in Einkaufszentren und Unterhaltungsarenen, ja, man heiratet gar ohne Ansehen der Herkunft („Ähni vun Hoggene? Uhmeeglisch!“). Die reine Form des lokalen Dialekts ist also nicht mehr zu erhalten. Und dennoch, es gibt sehr wohl einen Konsensdialekt für unsere Region. Doch selbst der droht zu verschwinden. Das ist erklärlich. Die Sprachprägung erfolgt heute nicht mehr durch Eltern, Lehrer, Pfarrer. Das übernehmen die Medien. Und die Mediensprache ist Hochdeutsch. Beziehungsweise das, was davon übrig bleibt.
 
Dialektarme Medien
Mundart taucht bevorzugt in volkstümlichen Sendungen auf oder taugt als Gagversicherung, wenn ein „Comedian“ die unbegründete Sorge hat, man könnte ihm den Trottel nicht abnehmen. In den Massenprogrammen von ARD bis RTL gibt es Dialekt sprechende Menschen sonst nur im Bereich der Doku-Soaps. Er dient hier in der Regel als diskriminierendes Milieumerkmal. Selbst in den regional operierenden Medien findet sich kaum Dialekt. Dabei, würden die „Nur wir sind von hier“-Radios mit Mundart wuchern, sie müssten ihre regionale Verbundenheit nicht so hartnäckig in der Eigenwerbung beteuern. Diese Entwicklung kommt nicht überraschend. Mundart war lange genug verpönt, galt als unschicklich, als Sprache der Ungebildeten, der schlichten Gemüter. Diese fatale Stigmatisierung zeigt nun Wirkung.
 
Ist Kurpfälzisch besonders bedroht?
Ja. Denn wir verfügen nicht über einen populären Dialekt, uns fehlen dafür schon immer die Repräsentanten. Wo ist der Nobelpreisträger, Popstar, Politiker, Sportler, der sich eben auch als Botschafter unserer Sprache begreift? Im Unterschied zu den Bayern haben sich unsere Prominenten stets bemüht, ihren Dialekt abzulegen oder zumindest zu verbergen. Man kennt Kurpfälzisch nicht, aber man weiß, wie es klingt, wenn ein Kurpfälzer versucht, betont „Hochdoitsch zu schpreschen“. Bei uns meidet selbst der „Tatort“ aus Ludwigshafen die Mundart, und Joy Fleming gebührt das nicht zu unterschätzende Verdienst, unserer Region vor bald 40 Jahren mit dem „Neckarbrücken-Blues“ das erste und nach wie vor einzige akustische Denkmal deutschlandweit gesetzt zu haben.
 
Brauchen wir überhaupt Dialekt?
Sollen wir uns mit dieser Entwicklung nicht einfach abfinden? Mundart abhaken als überkommene sprachliche Blüte des vorglobalisierten Zeitalters? Was ist das Besondere am Dialekt? Außer, dass er für Außenstehende lustig klingt. Nun, seine Vorzüge hängen unmittelbar mit dem zusammen, was ihm zum Verhängnis werden kann: man kann ihn nicht aufschreiben. Es fehlen die Buchstaben für diese Vielfalt von Lauten. Allein das „o“ gibt es bei uns in schätzungsweise 26 verschiedenen Nuancen. Dialekt kann man deshalb auch nicht lernen wie eine Fremdsprache. Wer das versucht, dem gelingt allenfalls das Nachahmen, die Parodie. Lautbildung, Sprachmelodie und Rhythmus, ja, nicht zuletzt die beredten Pausen müssen erfahren, erlebt und gelebt werden. Fatalismus, Kraft und Verzweiflung, all das kann in einer einzigen Silbe stecken: „Unn?“. Und alles ist gesagt. Doch genauso hört der Kenner an dieser Stelle jeden falschen Ton, jede Anbiederung. Dialekt ist eben unverblümt, wahrhaftiger. Dabei ist er entgegen dem verbreiteten Vorurteil gerade nicht zwangsläufig derb, roh und tumb. Wir kommen nur nicht mehr auf die Idee, ihn auch für komplexe, anspruchsvolle Inhalte zu nutzen. Was selbstverständlich möglich wäre. Predigten, Vorträge, nüchterne Nachrichten, ja, selbstverständlich auch zärtliche Liebeserklärungen, es gibt nichts, was nicht im Dialekt auszudrücken wäre. Doch wir haben ihn als seriöse Sprache aus unserem Alltag weitgehend verbannt.
 
Sprache des Herzens
Emotionaler, persönlicher, direkter, das sind also die Vorzüge gegenüber der Hochsprache. Wenn dem so ist, sollten wir uns dann nicht ganz pragmatisch auf einen einzigen deutschlandweiten Dialekt verständigen, für dessen Erhalt wir dann sorgen? Motto „Deutschland sucht den Superdialekt“? Ein wunderbares Wahlkampfthema, nachgerade ein Konjunkturprogramm mit zahllosen basisdemokratischen Rankings (Wo möchten Sie diesen Dialekt gerne häufiger hören: Schwäbisch in der Sauna? Sächsisch bei Polizeikontrollen?). Oder wir setzen lieber gleich eine Kommission ein, die einen tauglichen Dialekt entwickelt. Dem Proporzgedanken verpflichtet, pickt sie sich die lustigsten Ausdrücke, die einprägsamsten Formulierungen, die emotionalsten Laute aus allen Dialekten heraus und schafft so einen neuen, gesetzlich anerkannten Einheitsdialekt. Verbindliches Regelwerk, Lehrstühle, Quotenverpflichtung von ARD und ZDF, Nachrichten im Zweikanalton…
 
Alle oder keiner
Warum sollte gerade Kurpfälzisch überleben? Weil es so schön ist. Besser, musikalischer, origineller als alle anderen. Weil es die schönste Sprache der Welt ist. Bloß nicht! Oder hat uns dieses verquirlte „Mia sin mia“-Gehabe je weitergebracht? Nein, alle Dialekte sollen überleben. Weil wir sie brauchen. Weil sie uns noch ein bisschen Halt geben in einer haltlosen Welt. Moment! Höre ich uns im Schriftdeutsch erstaunlich emotional triumphieren. Wir brauchen doch keinen Halt mehr. Wir sind doch längst auf der ganzen Welt zu Hause. Wir sprechen mehrere Fremdsprachen fließend und können uns zur Not mit Abrechnungsprogrammen verständigen. Unser Lebensgefühl finden wir im Internet, und wenn wir uns mit unserer Vergangenheit auseinandersetzen wollen, dann besuchen wir Ü 30-Parties. Wir sind offen für alles und jeden, dem Fortschritt verpflichtet, der Zukunft zugewandt. Ja, an das Leben stellen wir hohe Ansprüche. Tja, nur schade, dass wir menschlich mit denen so gar nicht mithalten können. Denn wir sind entwurzelt. Wir begegnen einander als Dienstleister. Beziehungsunfähigkeit wird zum Vorzug im Bewerbungsgespräch. Wir wissen, woher wir kommen, aber es interessiert uns nicht mehr. Wir sind vollauf beschäftigt, uns eine Identität zu basteln. Und stolz, wenn wir „ich“ bei Google eingeben und Millionen Treffer erzielen. Bestens in Form, aber nicht zu fassen. Konkret und unverbindlich. Begeistert, dass in unserem Patchworkleben gleich mehrere Muttersprachen gesprochen werden. Wir verwechseln Sein und Haben, Leben und
Lebensgefühl.
Und in dieser Situation ist Dialekt vielleicht der letzte Wegweiser auf der Suche nach uns selbst. Das finden Sie übertrieben? Na und!
Wohin hat uns denn die individuelle Vereinheitlichung gebracht? Hoamzuus? Hoamzuus - was für ein wunderbares Wort. Dieser simple Begriff, für dessen Bedeutung man im Hochdeutschen einen kleinen Vortrag bräuchte, umschreibt, wonach wir uns alle sehnen. Lassen wir uns das nicht ausreden. Nicht einmal von uns selbst. Weesch, was isch mähn? Alla, macht was draus!
 
(Veröffentlicht am 29.8.2009 in der Rhein-Neckar-Zeitung)